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Mein Sieg über den inneren Schweinehund

Aktualisiert: vor 7 Tagen


Wenn der unterbewusste Glaube an sich selbst mächtiger ist als der Verstand.


Berlin, 19. April 2026 – 10.30 Uhr

Start zum Halbmarathon im Rahmen des S 25. Über 14.300 Läuferinnen und Läufer sind auf 4 Distanzen unterwegs durch das Berliner Westend und den nahegelegenen Grunewald.

Da die Baumaßnahmen an der A100 immer noch andauern und täglich zehntausende Fahrzeuge durch die Stadt umgeleitet werden müssen, konnte auch in diesem Jahr nicht auf der klassischen Strecke in Richtung Brandenburger Tor gelaufen werden.

Der Halbmarathon und die 10 km Lauf teilen sich einen Rundkurs im Westend rund um das Olympiastation, während die 25 km – Strecke durch den Grunewald führt.

 

Direkt nach Sylvester wollte ich mit meinem Training beginnen, wurde aber sofort durch eine Grippe eingebremst ☹ - 3 Wochen kein Lauftraining.

Kaum mit dem Training gestartet stoppte mich ein Rückfall für weitere 2 Wochen.


Dadurch ist meine Motivation tief abgesackt und ich hatte große Mühe, mich zu meinem Trainingsläufen aufzuraffen. Meist auch nur 7 oder 8 km…schlechte Laufzeiten und es fühlte sich alles so schwer an.


Wenig Aussicht, in den verbleibenden 5 Wochen einigermaßen fit zu werden für den HM.


Am 15., 19. und 22. März 10, 8 und 9 km gelaufen…es fühlte sich an, als würde ich eine Bleiweste tragen.


Wäre ich nicht schon angemeldet gewesen und hätte das Hotel nicht bereits bezahlt, ich hätte das Vorhaben aufgegeben.


Es km der Gedanke auf, auf die 10 km – Strecke umzumelden.


Und dann der nächste Rückschlag: Nochmal 2 Wochen Erkältung!

Es bleiben noch 2 Wochen, das Wetter unwirtlich – keine Lust im Regen und Wind durch den Wald zu joggen. Also ab aufs Laufband. Alles noch mühsamer 😰

Dann am 12. April 7,5 km 🤮 – es fühlt sich einfach schlecht an.


15. April – noch 4 Tage. Meine Freundin motiviert mich zu einem gemeinsamen Lauf über 10 km. Geht, aber auch der Lauf fällt mir in der 2. Hälfte schwer und ich bin froh, am Ende die Schuhe ausziehen zu können.


Mein Verstand sagt mir, den HM kannst du vergessen. Mein Herz flüstert immer wieder, lass dich nicht hängen, lass es auf dich zukommen.


Und so fahre ich mit einem gedanklichen Kompromiss nach Berlin. Ich starte zum HM und laufe einfach so lange wie es geht.


Am Freitagnachmittag - Ankunft in Berlin bei schönstem Frühlingswetter.


Doch die Aussichten für Sonntag sind alles andere als gut. Es wird ergiebiger Dauerregen ab den Morgenstunden bei ca. 11 Grad angesagt.


Am Samstag verschlechtern sich die Prognosen weiter. Der Regen soll schon in der Nacht zum Sonntag einsetzen und es soll den ganzen Tag durchregnen. Na großartig.


Ich genieße die Stadt und treffe Freunde – das erfüllt und bereitet mir grosse Freude. Der Lauf wird zur Nebensache.



Unter den Linden - Blick Richtung Humboldt - Forum
Unter den Linden - Blick Richtung Humboldt - Forum

Startnummer abholen, noch ein langes Shirt kaufen (es soll kühl werden) und 2 Energie-Shots für unterwegs.


Sonntagmorgen, 7 Uhr – der Wecker holt mich aus den Träumen. Blick aus dem Fenster: Es ist noch trocken!

Blick zum Himmel: Grau aber die Wolken sehen nicht so aus, als würde es jede Minute ergiebig zu regnen beginnen. Der erste Lichtblick.


9 Uhr – ich verlasse das Hotel und gehe zu Fuß zum S-Bahnhof Grunewald. Verwirrung auf dem Bahnsteig – Polizeieinsatz – der Fahrplan durcheinander. Na wunderbar – mein Zug um 9.27 Uhr fällt aus.



S-Bahnhof Grunewald
S-Bahnhof Grunewald

Dann die Meldung: Einsatz beendet – es kann noch zu Verspätungen bei den nachfolgenden Zugverbindungen kommen.


Doch planmäßig 10 Minuten später fährt mich die S-Bahn in Richtung Westkreuz. Dort großes Wuling. Tausende Läuferinnen und Läufer wollen in die S-Bahn Richtung Olympiastadion. Dicht gedrängt wie in der Sardinenbüchse fahren wir aber pünktlich ab. Am Stadion angekommen ist schon richtig viel los.


Die 25 km starten um 10 Uhr.


Lange Hose und Jacke in den Kleiderbeutel – abgeben in der Zone, die für meine Startnummer vorgesehen ist und langsam Richtung Startzone gehen.


Die ist schon recht voll. Kein Problem – ich möchte eh im hintersten Viertel starten und es selbst für meine Verhältnisse langsam angehen lassen.



richtig was los rund ums Stadion
richtig was los rund ums Stadion

Kurz vor dem Startschuss werden wir animiert, Lockerungs- und Aufwärmübungen zu machen. Ich schüttele meine Beine leicht aus – für mehr kann ich mich nicht motivieren.


kurz vor dem Startschuss
kurz vor dem Startschuss

Leichte Anspannung im Körper…dann der Startschuss – alles bewegt sich vorwärts und kommt auch gleich wieder zum Stehen. Nur langsam löst sich der Klumpen auf und verteilt sich auf die Strecke.

Das Schöne an dieser Strecke: Es geht am Anfang ganz leicht bergab – man kann ganz wunderbar vor sich hin traben – alles fühlt sich leicht an.


leicht und locker antraben
leicht und locker antraben

Nach wenigen hundert Metern wird mir aber klar…das bleibt nicht so. Und es dauert eine kleine Ewigkeit, bis wir endlich am Schild 1 km vorbeikommen.

Ohhhh je – warum bist du nicht im Bett geblieben.

Erfreulich: Es ist weiterhin trocken 😊


Wir biegen auf die Heerstraße ein. 8 Spuren exklusiv für uns Läufer. Die Strasse führt schnurgerade von Westen nach Osten. Wir laufen Richtung Westen und du siehst endlos viele Läufer vor dir. Irgendwo da vorne werden wir wenden und wieder ein Stück zurücklaufen.


KM 3 – Blick auf die Pulsuhr: 135

Das ist für mich wenig. Normalerweise bin ich schnell kurz vor 150 – später drüber.


KM 6 – Getränkestand: Ich hole mir einen Becher Wasser und trinke ungeschickt – es baut sich ein unangenehmes Gefühl im Bauch auf.


KM 7 – Blick auf die Pulsuhr: 183 – Schock

Tiefer Atmen, etwas langsamer laufen (noch langsamer ☹)…wenig Veränderung. Erst nach 2 km komme ich unter 170. Den Rest der Runde werde ich mich immer zwischen 150 und 170 Puls bewegen.


Und ich gönne mir ersten Energie - Shot. Irgendwas mit Bananengeschmack.


KM 8 – Ein Polizist auf einem Elektroroller eskortiert eine Gruppe schneller Läufer, die an uns langsamen Schnecken vorbei wollen. Es funktioniert einigermaßen…etwas zu meiner Überraschung.


KM 9 – Hier könnte ich abbiegen und die 10 km vollenden…

Ich entscheide mich fürs Weiterlaufen. Einfach laufen, soweit die Füße tragen.


KM 11 – kleine Stiche im linken Knie – nicht wirklich schmerzhaft, aber erste Anzeichen. Ich versuche das Bein etwas zu schonen. Dumme Idee – die Beschwerden nehmen zu. Also beschließe ich, es zu ignorieren und „normal“ weiterzulaufen. Und siehe da…nach 3 km ist es weg.



KM 14 – den 2. Energie-Shot einwerfen.


KM 19 – Abzweigung Richtung Olympiastadium. Ab hier laufen alle auf einem Weg zum Stadion. Was ist bereits vom letzten Jahr wusste: Für die HM-Läufer wird es noch mal hart. Während die 10 km und 25 km – Läufer am Ende gleich in den Tunnel zum Marathon-Tor ins Stadion abbiegen dürfen, müssen wir uns rechts halten und noch eine Extraschleife um das sogenannte Maifeld drehen. Das zieht sich schier endlos. Aber nach 19.5 km denke ich nicht ans Aufgeben, so nah am Ziel. Und wenn man sich dem Tunnel nähert und die Trommel dröhnen hört, gibt es ohnehin kein Halten mehr.





Im Station angekommen könnte man meinen, man sei bei einem grossen wichtigen Sportereignis. Der Stadionsprecher gibt sich alle Mühe uns als Helden abzufeiern und selbst auf den spärlich gefüllten Tribünen ist das Getöse groß.

Ein Glücksgefühl breitet sich langsam in mir aus.


humpelnd bis ins Ziel mit einer Hand am Absperrband
humpelnd bis ins Ziel mit einer Hand am Absperrband

Geschafft!


geschafft
geschafft

Klar die Zeit ist grottenschlecht 2:26:57 – egal – ich bin angekommen!

Für mich ein kleines Wunder nach so wenig Training und gefühlt so schlechter Verfassung. Aber ich bin sehr stolz auf mich!



Und es hat bis auf ein paar kleine Spritzer noch nicht geregnet.


Zügig die Klamotten einsammeln und den Rückzug antreten. Die 100 m Schlange vor dem Freibierstand motiviert mich, sofort das Gelände zu verlassen – zumal es wirklich kühl ist.


Der Bahnsteig voll. Doch ich schaffe es, in die erste Bahn zu kommen und noch dichter gedrängt als bei der Hinfahrt das Westkreuz zu erreichen. Umsteigen in Richtung Grunewald. Direkt am Bahnsteig ein Kiosk. Es reicht um ein Bier zu kaufen 😊.


Im Grunewald angekommen überlege ich ein paar Stationen mit dem Bus zu fahren, weil mir das Gehen doch etwas Mühe bereitet.

Der Bus fährt aber erst in 6 Minuten ab und der Busfahrer möchte zuerst noch eine rauchen. Ich soll draußen warten. Das ist mir zu kalt und ich entschließe mich, den KM bis zum Hotel doch noch zu Fuß zu gehen.


auf dem Weg zum Zimmer fällt mir erst jetzt diese Skuptur ins Auge ;-)
auf dem Weg zum Zimmer fällt mir erst jetzt diese Skuptur ins Auge ;-)

Angekommen erst einmal eine warme Dusche und dann ab in die Sauna.

Erstaunlicherweise hatte ich am Montagmorgen nur leichten Muskelkater und auch am Dienstag wurde es nicht schlimmer. Das nächste Wunder.


Es ist nicht der erste HM für mich. Es war aber der schönste, weil ich mich selbst überrascht habe.


Hallo Berlin – ich komme in 2027 wieder!

 


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